HEALTH TANK BEIM KONGRESS MEDITATION & WISSENSCHAFT IN BERLIN 2. Tag

by Corinna Knauff

Der frühe Samstag gehörte jungen Wissenschaftlern, die bei einem Science-Slam ihre Forschungsergebnisse in 5 Min fassten. Dann kam der Talk von Paul Grossman, Dr. Phil., Psychologe und Forschungsleiter der Abteilung Psychosamatik und Innere Medizin, Uniklinik Basel. Sein Thema war Mindfulness, Ethics and Therapy. Er sprach davon, wie Achtsamkeit den drei „giftigen“ Tendenzen des Menschen (Gier, Hass und Unwissenheit) etwas entgegensetzt: Großzügigkeit, Mitgefühl und Bewusstsein. Das schöne Stichwort dazu: THE KIND MIND.

 

Was folgte, war das Highlight des Tages in Gestalt der klugen, lustigen und warmherzigen Neurowissenschaftlerin Tanja Singer Max Planck-Institut , Leipzig. Sie erzählte uns, dass sie häufig von der Presse die Frage gestellt bekommt, was Meditation denn nun mit dem Gehirn macht. Die Antwort, die sie den Journalisten gibt, lautet dann: „Was macht Sport mit Ihrem Körper?“. Wie beim Sport, wird durch Meditation das besser, was man trainiert.

Bei ihren Forschungen trainierte eine Gruppe Probanden Mitgefühl, die nächsten beobachteten ihre Gedanken (Perspektivtraining) und die dritten übten Aufmerksamkeit. Und tatsächlich wurde die Mitgefühlsgruppe in Mitgefühl besser, was sich durch mehr altruistisch-motiviertes Verhalten zeigte. Das Präsenztraining stärkte - wie vermutet - die Aufmerksamkeit, aber nicht das Mitgefühl. „The Theory of Mind“ - die Fähigkeit, sich in die Gedanken anderer hineinzuversetzen, wurde nur durch das Perspektivtraining besser. Singer hält das Perspektivtraining für die globale Kooperation enorm wichtig. Die globale Kooperation international agierender Konzerne und der Politik kann nur mit The Theory of Mind gelingen. Und sieht man sich den Zustand der Welt heute an, kann man sich gut vorstellen, dass wir The Theory of Mind für unser aller Überleben brauchen.

Zum Thema Stresserkrankungen machte Tanja Singer als Hauptursache sozialen Stress aus. Überraschend war ein Forschungsergebnis: Achtsamkeitstrainings machen nach ihren Untersuchungen auf Cortisol-Ebene (Cortisol ist das Stresshormon) keine Stressreduktion. Bei den Partnerübungen (Dyaden), die von gegenseitiger Offenheit und Akzeptanz geprägt waren, gab es dagegen eine Stressreduktion um 51%.  Das legt nahe, dass Führungskräfte am besten eine offene, akzeptierende, nicht wertende Haltung unter Kollegen fördern, wenn sie Stresserkrankungen unter den Mitarbeitern vorbeugen möchten.

Die Neurowissenschaftlerin machte auch noch deutlich, dass Übung und Entwicklung Zeit braucht. Daher bringen ihrer Meinung nach Anti-Stress-Wochenenden gar nichts.

 

Nach Tanja Singer und ihrem fulminanten Vortrag dran zu kommen, ohne blass zu wirken, war ein Kunststück. Stephan Grünewald, Psychologe und Bestsellerautor gelang es. Denn er nahm es leicht – ganz nach französischer Lebensart -  und nahm sich unser Verhältnis zum Smartphone vor. Es sei wie eine Prothese, die man gar nicht spürt. Ein Zepter, das uns das Gefühl von Macht sogar Allmacht gibt. Das Smartphone gibt uns das Gefühl, dass die Welt steuerbar und kontrollierbar wäre und vermittelt den Anspruch, dass alles ohne Mühe zu händeln wäre. Da die Wirklichkeit anders aussieht, pendeln wir ständig zwischen Allmacht und Ohnmacht hin und her. Und da unsere Ansprüche an Karriere und Partnerschaft völlig überhöht sind, folgen bald Selbstzweifel, Rückzug und depressive Stilllegung. Daraufhin stürzen wir uns bis zur Erschöpfung ins Hamsterrad (sieht von außen wie eine Karriereleiter aus), was man als motorische Umsetzung des Grübelns deuten kann.

Diese Erschöpfung hat laut Grünewald eine wichtige Funktion. Sie gibt uns die Möglichkeit Stolz über unsere Leistung empfinden zu können, in Zeiten, in denen wir keinen Werkstolz mehr haben können. Das Gefühl der Erschöpfung ist also zum Gradmesser unserer Leistungsfähigkeit avanciert. Das führt bis zu einer regelrechten Erschöpfungskonkurrenz unter den Mitarbeitern. Wer am erschöpftesten ist, ist am besten! Die Krönung ist dann der Burnout – unsere Tapferkeitsmedaille!

Als Ausweg empfahl der Kölner Psychologe vom Rheingold Institut, Dehnungsfugen im Alltag einzubauen: Mal wieder bummeln ohne Ziel, gemütlich Bahn fahren, in aller Ruhe aufstehen und mit Genuss duschen. Achtsamkeit halt ;)